„Du schreibst einen Roman? Wie cool!“
Ich erwidere mit einem eifrigen Nicken und fühle mich sofort mindestens zwei Zentimeter größer.
„Worum geht es?“, fragt mein Gegenüber.
Wie jeder stolze Autor habe ich nur auf diese Frage gewartet. Sofort sprudelt es aus mir hervor: „Ein Junge gerät durch eine dämliche Mutprobe in Besitz eines gefährlichen Gegenstands. Auf einmal wird er von jedem gejagt, der einzige, dem er noch vertrauen kann, ist ausgerechnet sein ärgster Feind. Gemeinsam müssen sie sich zwischen den Fronten durch Intrigen, Verrat und dunkel Geheimnisse kämpfen. Es kommen Zwergdrachen darin vor und Höhlenwesen und Winzlinge und eine Koboldplage und mysteriöse Spuren und …“
Die Augenbrauen meines Gegenübers stoßen lautlos an seiner oberen Stirnkante an. „Du schreibst … Fantasy?“
Ich nicke begeistert.
„Ist das nicht irgendwie, na ja, okkult?“, in der Stimme meines Gesprächspartners schwingt ein Hauch von „Darf man das?“ mit. Wie bei so vielen, die schon vorher genauso reagiert haben.
Christen und Fantasy haben eine etwas komplizierte Beziehung. Aber warum eigentlich? Und muss das so sein? Ich habe mich auf die Suche gemacht, um ein paar Antworten in einem Durcheinander aus Meinungen, Fragen und Vorurteilen zu finden. Egal, ob Sie totaler Fantasyfan sind oder doch eher die Augenbrauen hochziehen: Kommen Sie mit auf eine Entdeckungsreise.
Fantasie und Fantastik
Ich bin ein Fantasyfan. So, jetzt ist es raus.
Wenn zwischen den Deckeln eines Buches völlig andere Regeln gelten als außerhalb, dann gefällt mir das. Ich hatte schon immer Freude daran, in eine andere Welt einzutauchen und aus manchen bin ich nur ungern wieder aufgetaucht.
Für alle, denen es nicht so geht und die sich gar nicht so sicher sind, worum es bei dieser ganzen Fantasy-Sache eigentlich geht, hier eine kurze Zusammenfassung.
Fantastische Literatur ist ein Überbegriff, der alle Geschichten unter sich versammelt, die sich in bestimmten Punkten ganz bewusst nicht an die Regeln unserer Realität halten. In manchen können Tiere sprechen, in anderen gibt es Elfen und Feen, wieder in anderen können Menschen fliegen oder unter Wasser atmen oder sonst etwas Ungewöhnliches. Einige Klassiker der fantastischen Literatur sind „Der kleine Prinz“ (der neben einer sprechenden Blume und einigen merkwürdigen Planeten mit merkwürdigen Einwohnern auch viel Weisheit poetisch verpackt) oder „Alice im Wunderland“, (das so verrückt ist, das es selbst in mein Fantasyerprobtes Gehirn einen Knoten geflochten hat). Auch Science-Fiction, Märchen und Schauergeschichten gehören zur fantastischen Literatur.
Das, was wir heute als Fantasy kennen, begann mit einem Sprachwissenschaftler aus England: John Ronald Reuel Tolkien. Der gläubige Christ war als Professor in Oxford tätig und entdeckte Anfang des 20. Jahrhunderts ein skurriles Hobby für sich: Welten erfinden. Wie Kinder beim Spielen manchmal Länder und Kontinente erfinden, spann Tolkien nach und nach eine eigene Welt und bevölkerte sie mit allerlei Lebewesen.
1937 lud er zum ersten Mal Leser auf eine Reise durch seinen erfundenen Kontinent Mittelerde ein. Beim Lesen des Romans „Der Hobbit – Hin und Zurück“ fieberten zahlreiche junge und ältere Leser mit dem Halbling Bilbo Beutlin mit, der unverhofft ins größte Abenteuer seines Lebens geriet. Trotz des Erfolgs vergingen beinahe 20 Jahre, bis die Leser nach Mittelerde zurückkehren durften. Was dann folgte, gilt als Geburtsstunde der modernen Fantasy. Tolkien schrieb Literaturgeschichte mit seinem bis heute berühmten und beliebten, über 1000 Seiten umfassenden Roman „Der Herr der Ringe“.
Tolkien hatte etwas begonnen, was seitdem von Fantasyautoren auf der ganzen Welt aufgegriffen und weiterverwendet wurde: Das Worldbuilding (Zu Deutsch: Weltenbauen). Am Ende ist auch genau das der Kern von Fantasy: Die Welt innerhalb der Buchdeckel unterscheidet sich von der außerhalb. Manchmal ist es eine „Was-wäre-wenn-Welt“, mal eine, die vollkommen andere Kontinente, Völker und Wesen beherbergt.
Auch in der modernen Fantasy gibt es unzählige Untergenres, Abstufungen und Sonderbegriffe, mit denen man selbst als Buchhändler leicht durcheinanderkommt. Ich werde hier also nicht auf High Fantasy, Low Fantasy, Romantasy und so weiter eingehen, dafür bräuchte ich einen eigenen Artikel. Im Kern gleichen sich alle Fantasybücher darin, dass sie zu einem gewissen Grad eine eigene Welt mit ihren eigenen Regeln schaffen.
Doch Tolkien baute nicht einfach nur eine Welt um der Welt willen oder einfach nur weil es ihm Spaß machte. Nach Ansicht des gläubigen Christen war es unser Auftrag, diese Welt schöpferisch mitzugestalten. In einem Essay schrieb er:
Vorstellungskraft ist ein Menschenrecht: Wir erschaffen Dinge im Rahmen unserer Möglichkeiten, auf unsere menschliche, sekundäre Weise, weil wir selbst erschaffen wurden. Mehr als das: Erschaffen im Ebenbild eines Schöpfers.
J.R.R. Tolkien (On Fairy-Stories)
Nach Tolkien kann man seinem Schöpfer dadurch die Ehre geben, selbst zu erschaffen. Nicht aus nichts, sondern aus der Schöpfung, deren Teil man ist. Tolkien nannte diese Aufgabe des Menschen die eines »Sub-Creators«, also eines »Unterschöpfers«.
Die Macht der Geschichten
Nicht jeder ist ein Fantasyfan. Und das ist auch in Ordnung.
Niemand muss meine Begeisterung für Fantasy teilen, genauso, wie nicht jeder meine Schwäche für Pizza Hawaii, christlichen Folkrock oder andere meiner skurrilen Vorlieben teilen muss. Doch abseits meiner Liebhaberei für das Fantastische und manchmal auch für das Skurrile und Verrückte, gefällt mir an der fantastischen Literatur noch etwas anderes: Das Gewohnte und Alltägliche zu verlassen, bedeutet immer, eine neue Perspektive einzunehmen. Dabei kann es vorkommen, das vermeintlich Bekanntes plötzlich ganz anders aussieht. In „Tintentod“ stellt Hauptfigur Mortimer Folchart seiner Frau folgende Frage:
Denkst du nicht auch, dass man von Zeit zu Zeit Geschichten lesen sollte, in denen alles etwas anders ist, als in unserer Welt? Nichts lehrt einen besser zu fragen, warum die Bäume grün und nicht rot sind und warum man nur fünf und nicht sechs Finger hat
Cornelia Funke (Tintentod, S. 104)
Die Perspektive zu wechseln, tut gut. Ein frischer Blick durch die Augen eines anderen lässt mich manchmal erkennen, was mir vorher aus meiner Perspektive noch nie aufgefallen ist. Er lässt mich neue Fragen stellen, die mir sonst nie gestellt hätte. Und ab und an pustet er den Staub von Dingen, die ich schon lange weiß und glaube, und unter dem Grau kommt wieder Farbe hervor.
In die Schuhe eines anderen zu schlüpfen und damit durch Mittelerde, Aerwiar oder Narnia zu wandern, ist immer ein Perspektivwechsel. Und er lehrt einen schnell, dass das Fremde und Andere gar nicht so anders ist. Auch ein Hobbit erlebt Selbstzweifel, ist verliebt, trauert und freut sich. Wir brauchen unsere Vorstellungskraft, um mit anderen mitzufühlen. Empathie und Fantasie gehören zusammen.
Aber was ist denn jetzt mit dem Okkultismus?
Kommen wir zurück auf die Eingangsfrage meines Gesprächspartners. Drachen, Trolle, Zauberer – Ist das nicht eigentlich alles okkult?
An dieser Frage scheiden sich – und die Formulierung klingt irgendwie ironisch – die Geister. Lassen Sie uns mal gemeinsam einen Blick in die Bibel werfen und nachschauen, was dort darüber steht.
Unser deutsches Wort »Okkultismus« leitet sich vom lateinischen occultus (verborgen, geheim) ab und wird als Sammelbegriff für übernatürliche Phänomene und Praktiken genutzt. In der Bibel wird die Ausübung okkulter Praktiken klar abgelehnt. Paulus zählt sie im Galaterbrief zu den „Werken des Fleisches“ (Galater 5, 19-21), von denen sich Christen abwenden sollten.
„Okkulte Praktiken“ ist wieder so ein abstrakter Begriff. Was meint das denn überhaupt? Eine Schlüsselstelle hierfür finden wir im fünften Buch Mose. Gott gibt seinem Volk klare Anweisungen, wie sie sich gegenüber den Gewohnheiten und Bräuchen der Völker, denen sie im neuen Land begegnen werden, verhalten sollen (5. Mose 18, 9-14). Er verbietet ihnen eine ganze Reihe mystischer Praktiken. Darunter Wahrsagerei, Ritualmagie, Bannsprechung und Totenbeschwörung. All diese Praktiken haben eines gemeinsam: Der Mensch versucht, eine Macht zu benutzen, die ihm nicht zusteht. Er will aus seiner Dimension ausbrechen, um Dinge zu erfahren oder zu kontrollieren, die nicht für ihn bestimmt sind. Im weiteren Verlauf des Bibelkapitels stellt Gott klar, dass Israel alles, was es wissen muss, von ihm erfahren wird und keine andere Wissensquelle benutzen soll. Er möchte das bedingungslose Vertrauen seines Volkes.
Das Übernatürliche selbst wird in der Bibel nie abgelehnt. Wenn Gott spricht oder Weisungen gibt, tut er das oft auch auf übernatürliche Art. Der entscheidende Unterschied ist, dass dabei Gott entscheidet, wann er spricht und wann er schweigt.
Zusammengefasst geht es also darum, geistlich in dem Bereich zu bleiben, den Gott für uns vorgesehen hat und den Rest ihm zu überlassen. Alles andere ist, bildlich gesprochen, geistlicher Landfriedensbruch bzw. „Spiritual Trespassing“.
Wenn wir Fantasyautoren in unseren Romanen von Zauberern sprechen, meinen wir meistens niemanden, der sich durch „geheime Künste“ (Esoterik) oder dämonische Rituale Macht und Wissen aneignen möchte, sondern eine Figur, die durch die Naturgesetze und Gestaltung der Romanwelt bestimmte „Superkräfte“ oder Fähigkeiten hat. „Magie“ kann in der Fantasy entweder ein genetischer Faktor sein, der wie ein Muskel gesteuert und trainiert werden kann, oder eine physikalische Kraft wie elektrischer Strom, die man erforschen und nutzbar machen kann. Seien wir mal ehrlich, hätten die Menschen des Mittelalters gesehen, was wir heute mit Elektrizität alles anstellen können, hätten sie wohl auch zunächst an Zauberei gedacht.
Doch auch wenn kein echter Okkultismus dargestellt wird, bleibt vielleicht die Sorge, dass eine Geschichte, auch wenn sie selbst nicht okkult ist, mich doch von Jesus wegziehen kann. Dass die Faszination für das Unerklärliche so stark wird, dass ich mich irgendwann auf eigene Faust über die Grenze auf geistlich verbotenes Gebiet begebe.
Ich wünschte, ich könnte diese Sorge mit ein paar knackigen Argumenten und schlauen Bibelversen wegwischen. Doch das kann ich nicht, denn es gibt keine einfache Antwort, keine »One-Size-fits-all-Lösung« dafür. Kann Monopoly einen Spieler raffgierig machen? Gut möglich. Ich selbst kann nicht mehr dazu sagen, als dass selbst mein kleiner Bruder, der Abzockerkönig, der stets jedes Spiel als Inhaber von Schlossallee und Parkstraße abgeschlossen hat, inzwischen fair, großzügig und verantwortungsvoll mit seinem Geld umgeht.
Die Frage ist immer: Wie viel Macht gebe ich der Geschichte über mein Leben? Es gibt Menschen, die geben tatsächlich einer einzelnen Geschichte in ihrem Leben so viel Raum, dass die Wirklichkeit ihnen nach und nach durch die Finger rinnt. Es gibt andere, die lieben dieselbe Geschichte und stehen doch mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität. Am Ende bleibt die Frage: Was fang ich damit an?
Darf ein Christ Fantasy lesen?
Fassen wir zusammen: Fantastische Literatur ist eine Dehnübung für unsere Vorstellungskraft. Sie kann uns helfen, Altbekanntes aus neuen Perspektiven zu sehen und längst Verstandenes neu zu verstehen. Sie kann uns aber auch so sehr hineinziehen, dass es passieren kann, dass wir anfangen, in einer Parallelwelt zu leben und die echte Welt aus den Augen verlieren. Nicht jede Geschichte, in der ein Zauberer, ein Drache oder ungewöhnliche Ereignisse vorkommen, ist automatisch okkult.
Schlussendlich darf bei diesem Thema jeder seine eigene Grenze ziehen, denn die Grenze verläuft hier für jeden anders. Wie in Römer 14 mit verschiedenen Ernährungsformen, oder noch konkreter in 1. Korinther 8 mit der Streitfrage um das Opferfleisch: Wir dürfen nach unserem Gewissen handeln und sollen dabei anderen nicht zum Vorwurf machen, dass Sie Ihre Grenzen anders ziehen als wir.
Wenn ich bei Ihnen das Interesse wecken konnte, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, darf ich Sie ganz herzlich in unsere Buchhandlung einladen. Noch bis zum 26. Juni haben wir in der Buchhandlung Seitenwechsel am Nürnberger Kornmarkt unsere Fantastik-Ecke und stehen Ihnen bei allen Fragen rund um das Thema gerne zur Seite. Alle Bücher bei uns sind handverlesen und von uns geprüft. Vom edel geschmückten Klassiker bis zu unbekannten Nischenfunden, haben wir eine Auswahl für jedes Alter und jeden Geschmack zusammengestellt.
Löchern Sie uns mit Fragen! Lassen Sie uns ins Gespräch kommen.
Wir freuen uns auf Sie!
Quellen:
Zitatquellen:
Tolkien, John Ronald Reuel: On Fairy-Stories, 1939
Funke, Cornelia: Tintentod, Dressler-Verlag, 2007
Vergleichsliteratur:
Lewis, Clive Staples: Sometimes Fairy Stories May Say Best What’s to be Said, Essay in der New York Times, 1956
Moore, Russel: On Reading Fiction, Essay auf seinem Blog, 2019
Tolkien, John Ronald Reuel: Mythopoeia (Gedicht), posthum veröffentlicht 1988
Voß, Harry: Darf der das? Dass der das darf …!, Essay & Diskussion auf seinem Blog, 2020
Peterson, Andrew: Wo das Dunkel erblüht, B&H Books, 2019 (Deutsche Ausgabe erscheint 2026 beim Permission-Verlag)